Myzelium Tagung 2026

Tagung für Anarchistische Studien

19. – 22. März 2026
Universität Leipzig

Campus Jahnallee, Erziehungswissenschaften (Haus 5)

Verortung der Tagung von ihrer Webseite

In der anarchistischen Szene wird ein spezifischer Umgang mit Theorien gepflegt: Als Reflexionen über soziale Bewegungen – und ausgehend von ihnen – sind sie anwendungsbezogen und mit bestimmten Organisationsprozessen und ethischen Debatten verbunden. Sie beanspruchen keine Neutralität, sondern sind positioniert und nehmen Bezug auf die anarchistische Tradition. Anarchistische Studien bringen Kritik hervor, zeigen aber auch Ansatzpunkte für erstrebenswerte Beziehungen und Institutionen auf. Sie werden kollektiv gebildet und sind häufig zusammengesetzt und fluide, statt dogmatisch und in sich abgeschlossen.

Als „Myzelium“ wird das komplexe Geflecht bezeichnet, welches Pilze meistens unterirdisch oder kaum sichtbar ausbilden [wikipedia.de]. Dieses hat kein Zentrum. Nur sporadisch und unter den richtigen Bedingungen wächst aus ihnen ein Fruchtkörper, der an der Oberfläche sichtbar wird. Die damit verbundenen Aspekte der Dezentralität, permanenten Kommunikation, potenziellen Hybridität und Interaktion, prozesshafte Weiterentwicklung und (Un-)Sichtbarkeit, sind ein gutes Sinnbild für die Gestalt und Funktion anarchistischer Theorien.

Abstract unserer gemeinsamen Session mit Anarchäologie

Anarchistische Archäologie (Anarchäologie & zeit.fläche) [Sa. 10 – 11:30 Uhr]

Archäologie und Anarchie, wie passt das zusammen? In einem moderierten Podiumsgespräch mit anschließender offenen Diskussion werden die Gruppen zeit:fläche und Anarchäologie verschiedene Aspekte besprechen: Welche Narrative mit Blick auf die Vergangenheit setzt die Archäologie?
Gab es anarchistische Gesellschaften und wie kann man diese überhaupt archäologisch nachweisen? Aber auch: Welche Möglichkeiten anarchistischen Handelns gibt es in den gegebenen Strukturen und wie sehen die derzeitigen Hierarchien aus, ob auf Ausgrabung, in der Akademik, in den Grabungsfirmen oder unseren Interpretationen der Vergangenheit?

Vortrag: Zobelfelle, Lachs, Rentiere und Erdöl

Kolonisierung und Widerstand der Khanten in West-Sibirien

06.11.2024, 18:00 Uhr
im Fahrradkinokombinat, Alte Mu (Lorentzendamm 6-8), Kiel

Die Khanten gehörten im 16. Jh. zu den ersten indigenen Gruppen, welche russische Kosakentruppen unter dem „Eroberer Sibiriens“ Jermak, auf ihren Expansionszügen nach Asien antrafen. Sie versuchen sich gegen die erzwungene Abgabe einer Pelzsteuer an das Großfürstentum und die Errichtung von Festungen zu wehren. Seit dem ist das Siedlungsgebiet der Khanten in West-Sibirien Schauplatz eines Kampfes zwischen imperialer Expansion, Extraktion und Unterdrückung und anhaltendem indigenem Widerstand dagegen. In der Zeit der UdSSR wehren sich die Khanten gegen die zunehmende religiöse und kulturelle Unterdrückung in der so genannten Kazym-Rebellion. Sich gegen Umweltzerstörung und weiteren fossilen Raubbau zu stellen wird in einem Staat der zunehmend autoritärer gegen politische Dissidenten vorgeht, immer gefährlicher. Eine Entwicklung, die nicht erst seit dem Ukrainekrieg stattfindet, aber durch diesen zweifellos beschleunigt wurde. In Putins Eroberungskrieg sind es ebenfalls die indigenen Bevölkerungen Russlands, welche die überproportionale Last an Rekrutierungen tragen müssen.

Kolonisation ist weder ein schneller noch ein eindimensionaler Prozess. So lohnt es sich, die lange Geschichte der Khanten im Wechselspiel mit verschiedenen staatlichen Akteuren zu betrachten und dabei diverse Mechanismen kolonialer Unterdrückung aber auch des Widerstandes dagegen beispielhaft kennenzulernen.

Neben dem Vortrag wird es Bücher und weiteres Material zu den Khanten und zum Zusammenhang von dekolonialer Politik mit Umweltthemen im Allgemeinen geben, welche dazu einladen sollen ins gemeinsame Gespräch zu kommen.

(Veranstaltungsankündigung extern)